Bücher - Wissens-Transfer

Lesen bildet bekanntlich – zumindest, wenn es sich um gute Literatur handelt. Rechtzeitig vor den Feiertagen haben wir einige Bücher gefunden, die lange Winterabende verkürzen und auch bestens als Posten für den Wunschzettel taugen. Da steht manchem Wissens-Transfer zu Weihnachten nichts mehr entgegen.

Eine Weitergabe von Wissen mit weitreichenden Folgen für die Entwicklung des Motorradmarktes fand Anfang der 1960er Jahre statt. Beim GP von Schweden 1961 setzte sich Ernst Degner als WM-Titelanwärter vom IFA-Rennkollektiv ab und heuerte bei Suzuki an. Durch ihn kamen die Japaner in den Besitz der von Walter Kaaden entwickelten Zweitakt-Renntechnik, mit der MZ führend war. War das Verrat gegenüber der eigenen Mannschaft und vor allem gegenüber dem eng vertrauten Ingenieur Kaaden? Oder war die Flucht in den Westen mit der Aussicht auf ein freieres und vielleicht auch besseres Leben ein wagemutiger Schritt, der Verständnis und Respekt abnötigt? Das von Andy Jordan übersetzte Werk des Briten Mat Oxley beschäftigt sich nicht nur mit dieser Frage, sondern beleuchtet den Werdegang der Protagonisten und den Motorradrennsport jener Jahre. Die MZ-Zweitakter stellten durch die Entwicklungsarbeit von Kaaden und Degner die Konkurrenz der Straßen-WM leistungsmäßig in den Schatten. Wenn Suzuki und später Yamaha zu jener Zeit nicht mit relativ geringem Aufwand an das Wissen um die technischen Details der MZ-Konstruktionen gelangt wären, hätte die Motorrad-Historie wohl einen anderen Verlauf genommen. Ob sich alles exakt so wie geschildert zugetragen hat, lässt sich heute mangels Zeitzeugen nicht mehr ergründen. Degner starb 1983, Kaaden 1996. Aber man kann davon ausgehen, dass sich dieses überaus spannende Buch sehr eng an den Fakten orientiert. Ein besonderes Augenmerk mag der nun geneigte Leser auf das letzte Kapitel „Epilog“ legen. Hier berichtet Oxley über die aktuelle Entwicklung auf dem Zweitakt-Sektor bei KTM, aber auch bei anderen Unternehmen. Demnach kann das fast schon totgeglaubte Motorenkonzept demnächst durchaus wieder – und dann als besonders umweltfreundlich – auferstehen. Unbedingt lesenswert!
Mat Oxley – Gestohlene Geschwindigkeit, Notschriften 2017, 206 Seiten inklusive Bildteil mit historischen s/w-Fotos, Format 15 x 21,5 cm, Hardcover, ISBN 978-3-945481-55-4, 24,90 Euro, motorrennsportarchiv.de
Ebenfalls um Straßenrennsport geht es im Band „90 Jahre Sachsenring“. Autor Hendrik Nöbel porträtiert zum Jubiläum des traditionsreichen Rundkurses zahlreiche Siegfahrer und Publikumslieblinge aus den verschiedenen Epochen des Rennsports. Selbstredend erhebt der üppig bebilderte Band dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, doch findet man die meisten Helden von damals und heute verewigt. Giacomo Agostini und Marc Marquez steuerten Grußworte bei. Bereits vor fünf Jahren würdigte der dort aufgewachsene und seit jeher rennsportbegeisterte Autor mit dem Titel „85 Jahre Sachsenring“ die Strecke nahe Chemnitz. In dem noch erhältlichen Band stehen die Motorradmarken im Fokus, die über die Jahrzehnte dort vertreten vertreten waren. Im übrigen lohnt sich ein – durchaus intensiver – Blick in den Internet-Shop von Top-Speed, da dieser zahlreiche weitere Titel zum Thema anbietet.
Hendrik Nöbel – 90 Jahre Sachsenring, HB-Werbung und Verlag 2017, 144 Seiten, Format A4, Hardcover, ISBN 078-3-00-056369-0, 29,95 Euro + Versandkosten, top-speed.info
Vor allen Besitzer von Dnepr- und Ural-Gespannen dürften sich für „Sowjetische Motorräder zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ interessieren. Als Broschüre für eine Sonderausstellung des Chemnitzer Fahrzeug-Museums bietet das preisgünstige Büchlein zwar viele Informationen zu den Motorrädern aus der UdSSR bis hin zum Engagement im Sport. Doch eine ausführliche Historie der sowjetischen Boxer-Dreier bleibt die Zusammenstellung schuldig. Zwangsläufig, denn dieses spannende Thema bietet Stoff für ein eigenständiges und sicherlich viel umfangreicheres Buch.
Ludwig Karsch – Sowjetische Motorräder zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz e.V. 2010, 52 Seiten, s/w-Fotos, Format 20 x 21 cm, Softcover, 7,90 Euro + Versandkosten, top-speed.info
Je angesagter eine Traditionsmarke ist, desto mehr Buchautoren ruft sie auf den Plan. Nach dem bereits 1998 erschienenen, opulent und qualitativ hochwertig bebilderten deutsprachsprachigen Standardwerk von Todd Rafferty finden sich dank Darwin Holmstrom nun auch die Indians der Zeit nach 1978 und vor allem die Modelle der Polaris-Ära zwischen Buchdeckeln wieder. Der durch seine fundierten Werke über Harley-Davidson auch hierzulande bekannte Autor taucht tief in die Geschichte der Marke Indian ein. Allerdings gäbe es noch manches mehr zu berichten, so zum Beispiel über die Aktivitäten von Christian Timmermann Ende der 1990er Jahre. Der Berliner – seit jeher der Marke eng verbunden – stellte gemeinsam mit seinem Kompagnon Harald Teutscher eine Indian V8 auf zwei Räder, deren Motor von Chevrolet stammte. Und leider lässt die Aufbereitung des historischen Bildmaterials teilweise sehr zu wünschen übrig. Dennoch kommen Markenfans um den Kauf des Buches nicht herum. Neben dem nur noch antiquarisch erhältlichen Band von Rafferty sei überdies „Indian Motorcycles“ von Egbert F. Eschenbacher (Heel 2012) empfohlen.
Darwin Holmstrom – Indian, America's first Motorcycle Company, Motorbuch 2017, 224 Seiten, 223 Farbfotos, 76 s/w-Fotos, Format 24 x 31 cm, Hardcover, ISBN 978-3-613-04008-3, 39,90 Euro, motorbuch-verlag.de
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