Buch - Deutsche Seitenwagen-Historie

Die englischen Gespann-Fans haben solch ein feines historisches Seitenwagenbuch schon 1999 kaufen können. Damals trug Geoff Brazendale eine Fülle von Material für seinen Band "The Sidecar - A History" zusammen. Die historisch interessierten Beiwagen-Liebhaber hierzulande musste sich etwas länger gedulden, nämlich bis zu diesem Jahr. Nun aber hat kein Geringerer als Karl Reese sein geballtes Wissen über die Geschichte der deutschen Seitenwagen von 1903 bis 1960 zwischen zwei Buchdeckeln verewigt. Nahezu einhundert deutsche Hersteller sind in dem Band erwähnt und ihre Konstruktionen beschrieben. Neben den großen Marken Steib und Stoye werden auch die weniger bekannten Marken wie Adka, Anfa, Binder, Dessauer, Stolz oder Wünsche gewürdigt. Wenn in der Neuzeit von kritischen Branchenbeobachtern gelegentlich angemerkt wurde, dass es zu viele Anbieter gibt, so relativiert sich eine derartige Aussage angesichts der Vielfalt früherer Jahrzehnte.

Beim Stöbern entdeckt man neben teils eigenwilligen oder phantasiereichen Beibooten auch bekannte Namen wie Elastik oder Favorit. Und man erfährt, dass großzügige Einstiegsklappen beileibe keine Erfindung der Boomzeit ab den 1980er Jahren sind. Die von 1922 bis 1930 in Berlin-Kaulsdorf aktive Manufaktur Heos hatte allerdings nichts mit dem späteren Offroad-Spezialisten Willi Heitmann zu tun, auch wenn Leichtbau hier ebenfalls angesagt war. Erfreulicherweise kommen die Kurvenneiger-Konstruktionen nicht zu kurz. Ebenso finden Vorsteckwagen (Reverse-Trikes) und Personenanhänger (Trikes) der dreirädrigen Frühzeit Erwähnung. Rares Bildmaterial verbunden mit den profunden Kenntnissen des Autors machen dieses Buch zu einer wahren Fundgrube für Gespannfreunde. Gerade deshalb sollte man mit dem Kauf nicht ewig warten.

Karl Reese - Deutsche Seitenwagen von 1903 bis 1960; Verlag Johann Kleine Vennekate 2011, 176 Seiten, 9 Abbildungen farbig, 486 Fotos und Abbildungen s/w, Format 21 x 28 cm, Hardcover, ISBN 978-3-935517-60-7; 36,00 Euro, http://www.motorradbuch.de

Übrigens: Das eingangs erwähnte englische Pendant von Brazendale wird zwischen 60 und sagenhaften 650 Euro gehandelt - wenn das Buch überhaupt antiquarisch zu bekommen ist. Manchmal lässt sich in eBay GB ein Schnäppchen machen, allerdings gibt es dort und in Amazon auch Buchhändler, die den Bezug zur Realität verloren haben scheinen. Da sind 36 Euro für den "Reese" doch nachgerade ein Sonderangebot...

AK47/11