GG Taurus - Hohe Schule

Irgendwann war Walter Grüter es leid, in allen Ecken der Erde gegen Mauern zu rennen. Der Schweizer hatte mit seinem Quad auf BMW-Boxer-Basis und dem Quadster, das über die Antriebstechnik der aktuellen K-Vierzylinder verfügt, zwei herausragende Vierräder gebaut. Aber in den Zulassungsrichtlinien der meisten Staaten inklusive der Schweiz als Standort von GG sind derartige Fahrzeuge nicht vorgesehen und die Gesetzgeber sehen keinen Grund, sich wegen eines Kleinserienherstellers auch nur einen Millimeter zu bewegen. Rühmliche Ausnahme war übrigens das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), das die GG-Quads als vierrädrige Motorräder definierte und damit die Zulassung ohne Leistungsbeschränkungen unproblematisch machte.

Doch Grüter wollte seine Fahrzeuge auch in anderen Ländern auf den Markt bringen. Und weil die Zulassungshürden mit einem Dreirad wesentlich leichter zu nehmen sind, machte er aus seinem Quadster ein Reverse-Trike. Dazu reichte es allerdings nicht, dessen Hinterachse auf ein Rad zu reduzieren. Vielmehr musste GG sein Dreirad-Projekt in einigen Belangen neu konstruieren.

Im Hinterbau imponiert eine einmalig formschöne Einarmschwinge aus gefrästem Aluminium, deren exzellente Verarbeitungsqualität bereits verrät, wes Geistes Kind Grüter ist. Dass die Schwinge relativ schwer baut, hat seinen Grund: Das Taurus braucht Gewicht auf der Hinterhand, damit der 275/30-19er Reifen für die 175 PS des BMW K 1300-Motors genügend Grip aufbauen kann. Andererseits darf auch die Vorderachslast nicht zu niedrig sein, um optimale Kippsicherheit zu gewährleisten. Auf Elektronikhilfen, wie sie die CanAm Spyder-Dreier haben, verzichtet Grüter bewusst, um das direkte Fahrerlebnis nicht zu beeinträchtigen. Immerhin aber bietet GG optional eine servounterstützte Lenkung an.

Um eine Neigung des Taurus in Kurven zu vereiteln, ist ein Querstabilisator in die Vorderachse integriert. Dieser ist in seiner Wirkungsweise so berechnet, dass er ein sensibles Ansprechen der Federung nicht verhindert und dennoch seiner Aufgabe gerecht wird. Doch für teures Geld patentieren lassen will Grüter sich diese und andere Lösungen nicht. Dem Schweizer reicht für den begrenzten Markt die Exklusivität seiner Fahrzeuge als Kopierschutz. Um das Taurus oder Details davon nachzubauen, braucht man erstens die Vorlage, muss zweitens Technik und Materialien exakt analysieren und drittens die Möglichkeit haben, auf ähnlichem Niveau zu produzieren. Der Aufwand dafür wäre so hoch, dass er sich allenfalls für Großserien lohnen würde.

Auch wenn es viele Biker nicht wahrhaben wollen: Gut gemachte Drei- und Vierräder bieten eine Fahrdynamik, die sportlichen Solos in keiner Weise nachsteht. "Schräglagen" sind zwar nur bei absolut provokantem Fahrstil möglich, indem man bei hohem Tempo abrupt in Kurven einlenkt. Doch produzieren die Querkräfte bei "bodenständiger" Fahrweise und die damit möglichen Drifts nicht weniger Adrenalin als über den Asphalt kratzende Fußrasten einer Solomaschine.
Es braucht für den normalbegabten Fahrer -selbst wenn er Gespann- oder Trikeerfahrung mitbringt - mehrere hundert Kilometer, um auch nur einigermaßen das Potential des Taurus auszuloten. Der Grenzbereich ist dank ausgeklügelter Gesamtabstimmung sehr weit gesteckt, sodass man selbst dann noch Reserven hat, wenn sich eine Kurve unerwartet stärker zuzieht. Die Hinterradfederung mutet straffer als beim Quadster an. Was bei ähnlich sportlicher Abstimmung primär daran liegt, dass man nun direkt über dem Rad sitzt. Die pedalbetätigte Integralbremse verzögert die acht Zentner Taurus vehement. Wer vom Motorrad umsteigt, wird an der zusätzlichen Handbremse mit Wirkung auf die beiden vorderen Scheibenanlage Gefallen finden. Insgesamt ist das bei aller Agilität gutmütige Taurus-Trike mit der brachialen Leistung des BMW-Vierzylinders keinesfalls überfordert und würde wahrscheinlich sogar noch den neuen BMW-Sechszylinder verkraften.
Bleibt aus deutscher Sicht die Luxusfrage, ob Quadster oder Taurus der Vorzug zu geben ist. In Dynamik und Fahreigenschaften stehen sich beide Konzepte nicht nach, sodass die Entscheidung letztlich Geschmacksache ist. Für Solofahrer dürfte das Taurus die geeignetere Wahl sein, da es kompakter baut und die größte Breite im Blickfeld liegt. Ganz nebenbei: Auch beim Taurus gehört eine Rückfahrhilfe zum Standard.